Darf ich überhaupt ehrgeizig sein? | Tagebuch einer Studentin | KW16

von

Es klingt kitschig und abgedroschen, aber trotzdem fühlt es sich gerade so an: Kennst du diese Zeit im Leben, in der sich irgendwie ganz viel verändert, und du dich mit ihr veränderst? Genau darin befinde ich mich gefühlt gerade. Obwohl das alles schon vor einem Jahr seinen Anfang nahm. Aber genau jetzt ist der Zeitpunkt, an dem ich diese Veränderung nicht nur sehen kann. Sehen kann ich meine neue Wohnung, meinen neuen Schreibtisch und mein neues Studienfach. Und ich sehe, dass sich meine Sicht auf viele große und viele kleine Dinge verändert hat. Erst jetzt kann ich aber erspüren, was der Wandel oder vielleicht sogar die Neugestaltung – ja, vergebt mir die Pathetik an dieser Stelle – meines Lebens mit mir gemacht hat.

Mein Vergangenheits-Ich

Auslöser für diese Erkenntnis war eine Situation in einem meiner Seminare.
Ich war früher in der Schule weder ehrgeizig noch fleißig oder besonders gut. Kurz: Ich war Mittelmaß. Zumindest was die schulische Leistung anging. Auf einem Dorfgymnasium mit schwarzen Klamotten und roten Haaren rumzulaufen, ist halt doch alles andere als Mittelmaß – aber das ist eine andere Geschichte. Mit meiner Leistung bin ich also nie sonderlich aufgefallen, höchstens dadurch, dass ich Mündlich einfach immer weitaus schlechter war als schriftlich. Meine gymnasiale Schullaufbahn bestand daher vornehmlich aus „Ihre Tochter könnte viel bessere Noten haben, wenn sie sich doch nur mündlich beteiligen würde“. BlaBlaBla – war das einzige, was mein pubertierendes Vergangenheits-Ich dazu gesagt hatte.
In Wahrheit bedeutet mündliche Beteiligung für mich aber bis heute, mich in die furchtbare Situation zu manövrieren, im Mittelpunkt zu stehen – auch wenn es nur ein Wort lang ist.

Es geht aber auch anders

Ich hatte also Anfang des Semesters ein Aufbauseminar bei DEM Prof meines Studienfachs eingeplant. In der ersten Sitzung stellte sich heraus, dass das Ganze ein Forschungsseminar ist, bei dem nur ein Bruchteil von denen teilnehmen konnte, die da waren. Aber ich fand dieses Thema phänomenal: Analyse von Livestreamern auf YouNow, Periscope und Ustream. Genau mein Gebiet. Dazu kam ein verführerischer Deal: Eine 1,0 für den Fall, dass unsere Forschungsarbeit zu einer internationalen Publikation reicht, eine 5,0 wenn nicht – und die Arbeit war umsonst.
Ich hatte mich schon dagegen entschieden, daran teilzunehmen: Viel zu viel Arbeit für viel zu wenig CP. Ich müsste mich intensiv und aktiv in eine Gruppe einbringen, in der ich niemanden kannte. Ich müsste gesehen werden.

Dann aber erwischte mich ein Snap von MrsMara. Sie ärgerte sich über verpasste Chancen und redete mir dabei irgendwie ins Gewissen. Es doch tun. Es zu wagen. Ich machte mich also einen Tag vorher noch an die Hausaufgabe, die als Teilnahmevoraussetzung galt und war abends so unzufrieden damit, dass ich es fast nicht abgeschickt hätte. Da war wieder dieser Moment, in dem ich so wenig an mich glaubte, dass ich diesen – wie nenne ich es? Traum ist vermutlich zu viel, Chance zu wenig – Wunsch fast wieder verworfen hatte. Aber ich hatte Arbeit da rein gesteckt, also schickte ich es in einem kleinen Ach-scheiß-drauf-Moment einfach los.

Mit Herzrasen saß ich nun also da – ja, so schlimm sind solche Momente für mich – und hörte zu, wie der Prof sich über einige Abgaben etwas amüsierte und er plötzlich nach mir fragte, meinen vollen Namen laut aussprach. Ich sei die einzige gewesen, die in der Lage gewesen war, anständig zu zitieren. An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich zum ersten Mal mit diesem Zitierformat gearbeitet hatte. Ich als „Kleine“ aus dem 2. Semester schlug die aus dem 6. Semester völlig aus. Der Prof war also so zufrieden, dass er mir gleich die Aufgabe anbot, die Literatur zu verwalten, und war noch begeisterter als ich später zusagte, mich auch um die Gesetzestexte zu kümmern.

Die neue Streberin ist geboren

Der Nachteil an der Sache: Während er mich also aufrief, drehte sich der komplette Kurs zu mir um und starrte mich an. Niemand kennt mich, die meisten haben mich auch nie zuvor gesehen. So saß ich da, hinten rechts in der Ecke und war der Streber vom Dienst. Ich freute mich, dass der Prof mich positiv wahrnahm, aber die plötzliche Wahrnehmung vom ganzen Kurs verunsicherte mich gleichzeitig. Ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll.

Dass ich mich wohler fühle, in der Masse unterzugehen und gleichzeitig mit roten Haaren rumlaufe und einen Kleiderschrank habe, in dem ich Bandshirts sammele wie andere Briefmarken, siehst du als merkwürdig paradox an? Willkommen im Club. Ich weiß auch nicht, welche Synapsen in meinem Kopf da falsch geschaltet sind.
Aber sind sie es wirklich? Falsch geschaltet, meine ich. Oder will nicht jeder wahrgenommen werden? Ist es nicht ein Grundbedürfnis des Menschen, nach Anerkennung zu streben? Wieso fällt es manchen Leuten so unglaublich leicht, sich das nicht nur einzugestehen, sondern mit der Ich-bin-geil-Fahne durchs Leben zu laufen, während ich hinten rechts in der Ecke sitze und mich frage, was mittlerweile eigentlich auf meiner Fahne steht.

Was steht auf meiner Fahne?

Früher hätte ich Dinge geschrieben, wie „Ich bin schüchtern“, „Ich kann das nicht, ich trau mich nicht“ oder „Bitte weitergehen, es gibt nichts zu sehen“ und dazu passende Adjektive wie schüchtern, introvertiert und ziellos.
Heute würde ich andere Dinge darauf schreiben. Und genau das ist der Punkt. Der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass mich das letzte Jahr sehr verändert hat. Vieles hat sicherlich mit dem Studienfachwechsel zu tun – ich habe etwas gefunden, dass mir so viel Spaß macht, dass ich dadurch plötzlich Adjektive auf meine Fahne schreiben kann, die noch vor einem Jahr nichts mit mir zu tun hatten: Ehrgeizig, fleißig und diszipliniert. Plötzlich steht da „Ich will das schaffen“, „Guck mal, ich kann das“ und „Ich bin besser als andere“.
Es mag merkwürdig klingen, aber allein das Aufschreiben und der Gedanke dazu, das auch gleich zu veröffentlichen, fällt mir unglaublich schwer. Sätze wie „Ich bin besser als andere“ klingen in meinen Ohren arrogant und hochnäsig – Eigenschaften, die ich nicht haben will, schon gar nicht auf meiner Fahne. Aber irgendwie stimmt es doch, oder? Ich bin dem Prof positiv aufgefallen und ich bin diejenige, die derzeit in Gruppenarbeiten die Leitung und den guten Content einbringt. Ich bin vorbereitet.

Versteh mich nicht falsch, das soll hier keine Selbstbeweihräucherung sein. Es soll gerade dir zeigen, die/der du dich selbst nicht ausreichst, dass es immer etwas gibt, in dem du besser bist als andere. Und vor allem: Du darfst auch besser sein als andere! Und damit darfst du auch gesehen werden. Deswegen bist du kein schlechter Mensch. Trau dich!
Das ist eine Sache, die ich noch lernen muss: Ich darf mir eingestehen, dass eine kleine Prise Narzissmus gesund ist. Jeder hat diese Seite, nur bin ich gerade einfach noch dabei, sie kennen zu lernen.
Hallo Narzissmus, Hallo Ehrgeiz! Ich würde euch gern besser kennen lernen.

Was steht auf deiner Fahne?

– missmoere

0
3 Responses
  • Cristin S.
    April 26, 2016

    Wirklich sehr schön geschrieben und ich drücke dir die Daumen, dass das Seminar gut läuft und du die 1,0 schaffst. 🙂

    Liebe Grüße,

    Cristin

  • Tanja
    März 14, 2017

    Ich bin momentan mich auf eine schwere Prüfung am vorbereiten. Auf meiner Fahne steht:“ unsicher, Chaos und Ungewissheit“ das alles macht mich völlig wahnsinnig. Es ist so ein durcheinander. Ich kann manchmal gar keinen klaren Gedanken fassen. Jedoch sage ich mir immer wieder:“ Ich werde bestehen.“ Umso näher die Prüfung rückt umso weniger wirkt dieser Satz.

Hinterlasse einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: