Für wie grenzdebil halten Sie uns Studis eigentlich? | TeS | KW 41

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Bitte schalten Sie in der Vorlesung Ihre Handys aus und bringen genügend Papier und geeignetes Schreibwerkzeug für Ihre Mitschriften mit.

Bitte was?

Diese Zeilen bekam ich gestern als Appetithäppchen auf die Einführungsvorlesung zur germanistischen Mediävistik. Ich gebe zu, ich habe es die letzten Semester versäumt, diese Veranstaltung zu belegen. Dass mich das allerdings nicht nur zurück ins erste Semester, sondern gleich ins Mittelalter mit all seinen praktischen und unpraktischen „Schreibwerkzeugen“ führt, konnte ich ja nicht ahnen.

Die ganze Mail.

Die ganze Mail.

An diesen Zeilen stören mich so mächtig viele Dinge, dass ich gar nicht weiß, wo genau ich in und mit meinem Rage-Mode anfangen soll.

Erstsemester, nicht Erstklässler

Ich meine, diese Mail ging raus an Erstsemester. Wie ich schon in meinen Erstsemester-Tipps, um nicht als solcher aufzufliegen, geschrieben habe, sind Erstis manchmal wie ein Haufen Lemminge, die verwirrt und verirrt über den Campus irren. Allerdings finde sogar ich es fragwürdig, ihnen nicht zuzutrauen, dass man Mitschriften machen muss/kann/sollte. Wenn man schließlich etwas in der Schule gelernt hat, dann ist es, Mitschriften anzufertigen (die Qualität dieser sei an dieser Stelle mal hinten angestellt).

Noch besser finde ich ja, dass die verehrte Prof. Dr. noch den netten Hinweis zum Thema „genügend Papier“ und „geeignetem Schreibwerkzeug“ gibt. Sie traut ihren (Neu-)Studenten nicht einmal zu, über das Wissen zu verfügen, dass ein Sticky Note ggf. nicht ausreicht und dass man – sollte es zu dem unwahrscheinlichen Falle kommen, etwas mitschreiben zu wollen – einen Stift dazu braucht.

Wow, krass!

Ich weiß gar nicht, wohin mit meiner Dankbarkeit, dass diese Frau endlich Licht in das Dunkeln meiner trostlosen Mitschriften gebracht hat!

Aber mal ernsthaft: Für wie grenzdebil hält sie denn die Studis?
Nach 12 bzw. 13 Jahren Schule wissen wir durchaus, was man mit Papier und Stift anfangen kann.
Darüber hinaus empfinde ich Studieren als eine hochgradig individuelle Sache, d.h. ich selbst entscheide, ob ich analog oder digital mitschreibe und wann ich nicht zuhöre, weil ich auf mein Handy schaue. Selbstständigkeit und Selbstverantwortlichkeit sind hier die Stichwörter.

Aber nehmen wir uns mal dieses Gedankenexperimentes an. In meiner Vorstellung nutzt also kein Studi mehr Handy und/oder Laptop, sondern sitzt stocksteif mit genügend Papier und geeignetem Schreibwerkzeug im Hörsaal. Je nach Qualität der Vorlesung und der Konzentrationsfähigkeit der Studenten, schwankt die Höhe der Aufmerksamkeit. Das ist normal und natürlich und gute Dozenten sind sich dessen durchaus bewusst.

Jetzt wird unseren Studis aber langweilig und der Fokus geht wohin? Genau. Zum Nachbarn. Also wird geredet. Und geredet. Und geredet. Großartig! Denn nichts genieße ich mehr als laut brabbelnde Erstis um mich herum. Dabei wäre die Lösung so einfach. 5 Minuten auf 9gag, eine kleine (oder vielleicht auch längere), aber leise Zerstreuung genießen und schon könnte man wieder zuhören.

So mache ich das zumindest. Vielleicht bin ich damit auch die Einzige, aber was ich sagen möchte: Es gibt weitaus schlimmere Dinge, die in einem Hörsaal passieren können als Studenten, die gebannt auf Bildschirme starren.

Wenn Sie nicht genügend Eier haben, dann lassen Sie es gefälligst

Der erste Gedanke, der sich bei mir aufdrängt, sobald ein Dozent das Handy-Aus fordert ist: Wenn man als Dozent gleich Pipi in den Augen kriegt oder einen Tobsuchtsanfall unterdrücken muss, weil einem keiner zuhört, dann hast Du den falschen Job, mein Lieber!

Als Dozent muss man da ganz einfach drüber stehen. Dass das nicht ganz so einfach ist, ist mir durchaus bewusst, aber potentiell dann doch reine Übungssache.

Gute Dozenten lassen sich nicht davon irritieren, dass jemand auf sein Handy schaut. Gute Dozenten sind sich ihres Inhalts und ihres Auftretens so sicher, dass sie sich darüber bewusst sind, die Leute abholen zu können, die sich für das Thema interessieren. Wer sich nicht für das Thema oder sogar das Studium interessiert, der ist eh verloren.

Ich habe so einen Dozenten – ebenfalls in der Germanistik -, der interessante Seminare gestaltet und durchaus damit leben kann, dass manche nur körperlich anwesend sind oder man sich manchmal einfach ein paar Minuten ausklingt und dabei offensichtlich die aktuellen Whats App Nachrichten beantwortet. Der weiß aber, dass die Interessierten immer wieder mit der Aufmerksamkeit zurückkommen.

Der Mann hat eben Eier.

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Nieder mit der Digitalisierung

Ein weiterer Punkt ist natürlich die Sache mit den digitalen Gerätschaften, die ein Student mittlerweile so um sich herum ansammelt.

Ich bin Informationswissenschaftler, d.h. ich verbinde das Schlimmste miteinander: Informatik gepaart mit klassischer Geisteswissenschaft.
Ich brauche daher einen Laptop, um darauf zu programmieren, nebendran steht das Surface für Mitschriften und Sekundärliteratur und zwischendrin fliegt das Handy rum – auf das ich auch noch regelmäßig einen Blick werfe. Ich glaube, ich bin der wandelnde Albtraum der lieben Prof. Dr. aus der germanistischen Mediävistik.
Aber hey, ich habe nie effizienter gearbeitet als umzingelt von meinen liebsten technischen Spielereien.

Und ich glaube, dass es mittlerweile den meisten so geht.
Deswegen finde ich es schlimm, wenn das eine Dozentin im Jahr 2016 im Zeitalter von federleichten Laptops, Clouds und Tablets nicht sieht.
Ich persönlich habe einen Gedanken tausend Mal schneller eingetippt als aufgeschrieben, d.h. also, dass ich viel weniger mit den Gedanken bei der Mitschrift hängenbleibe und entsprechend schneller wieder zuhören kann. Wobei ich mittlerweile so trainiert bin, dass mich das Tippen nur noch bei komplizierten Fachwörtern vom Zuhören ablenkt. Das würde bei handschriftlichen Notizen bei mir nie funktionieren.

Gerade in der Lehre empfinde ich Digitalisierung als eine großartige Bereicherung. Ich habe ja schon einen Beitrag zur Gamification in der Lehre geschrieben und bin immer noch der Überzeugung, dass es große Chancen bietet.
Diese Chancen lasse ich mir aber nicht durch eine Prof. Dr. nehmen, die das Mittelalter nicht nur lehrt und lebt, sondern es auch den Studenten, mittlerweile alle digital natives, aufdrückt.

…und die machen das auch noch

Gerade Erstsemester lassen sich davon aber eben noch stark beeinflussen:
Was Frau Prof. Dr. sagt ist Gesetz!

Jain.

Natürlich ist man als Student vom Prof abhängig was Scheine, Nachweise oder Prüfungen angeht. Wenn er ein Referat haben möchte, wirst Du ihm wohl oder übel eins liefern müssen, es sei denn es gibt alternative Veranstaltungen.

Ich werde mich aber zum Beispiel nicht von dieser Mail beirren lassen und mich da mit meinem Surface hinsetzen, ob die Dame sich jetzt echauffiert oder nicht – auch mein Handy bleibt griffbereit. Dabei werde ich niemandem schaden, niemanden ablenken o.ä. – stattdessen werde ich aufmerksam dreinschauen, lächeln und nicken. Denn das kann ich gut. Genauso wie digitale Mitschriften führen.

Wichtig bei solch digital crutches ist aber auch Feingefühl von Studi-Seite aus. In Hörsälen (natürlich abhängig davon, wo man sitzt) interessiert mich das einen feuchten Kehricht, aber bei Seminaren, in denen die Interaktionsrate mit den Dozenten deutlich höher ist, ist es doch ganz ratsam, auch dem Dozenten entgegen zu kommen.

Wer als Lehrender empfindlich ist, wird irgendwann mehr oder weniger freundlich ausrasten, wenn der Blick non-stop auf dem Handy verweilt. Guckst Du dem ach so tollen Dozenten aber zwischendurch lange und „aufmerksam“ an und suggerierst ihm Interesse, sind die meisten toleranter.
Gleiches gilt bei digitalen Mitschriften. Wenn Du nur auf den Bildschirm guckst und an den „richtigen“ Stellen mittippst, suggerierst Du auch hier klar und deutlich, dass es sich bei deinem Laptop um dein persönliches „geeignetes Schreibwerkzeug“ handelt.

So bin ich bisher überall mit meinem digitalen Schreibwerkzeug durchgekommen.

Wenn Du dir also sicher bist, dass digitale Mitschriften das Richtige für dich sind, dann lasse dich nicht von komischen Dozenten zu etwas drängen, was dich in deiner Art zu studieren hemmt oder einschränkt.
Im Zweifel würde ich heute auch kein persönliches Gespräch scheuen, in dem ich dem Dozenten ganz klar mache, dass diese Art des Lernens für mich funktioniert und ich mich davon jetzt nicht mehr abbringen lassen werde, nur weil derjenige glaubt, dass es mich ablenkt, unangemessen ist oder es seinem Ego nicht gut tut.

Ja, wir sind „nur“ Studenten. Aber wir dürfen doch wohl noch selbst entscheiden, welches Medium wir für geeignet halten, oder!?

Letzte Worte

Ich weiß, das waren viele Worte für eine kleine Email. Aber wie dir unschwer entgangen ist, reagiere ich recht empfindlich darauf, wenn Dozenten meinen, ihre „Machtposition“ auszunutzen und gleichzeitig glauben, die Erstsemester von heute sind nicht weiter als Walter von der Vogelweide (einer der wichtigsten Schriftsteller der Mediävistik) im Trotzalter.

Wie siehst Du denn das Thema Bevormundung und Herablassung durch und von Dozenten?
Findest Du, ich reagiere über oder siehst Du das genauso?
Vielleicht juckt dich das auch alles gar nicht, weil Du sowieso immer mit Stift und Papier schreibst und während Veranstaltungen nie auf dein Handy schaust.
Bitte lass es mich unbedingt in den Kommentaren wissen, ich bin sehr gespannt auf deine Meinung!

Regt sich jetzt erst einmal wieder ab

Unterschrift

Now Playing: Alligatoah – Denk an die Kinder (Straßenmusik)

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1 Response
  • Cristin
    Oktober 16, 2016

    Hallöchen 🙂 Also ich habe solche Mails noch nie bekommen und auch noch nie gehört, dass ein Dozent/in sowas gesagt hat. Ich bin da aber auch der gleichen Meinung wie du. Ich selber schreibe mit Stift und Papier, und wenn meine Aufmerksamkeit nachlässt, dann male ich oder schau auch auf 9gag. ^^ Kein Dozent kann 90 Min lang die volle Aufmerksameit erwarten, egal wie gut er/sie ist. Außerdem sollten die Profs auch mit der Zeit gehen…ich finde es immer schlimm, wenn es kein Script online gibt, oder dann nur ein Semesterplan (vor allen Dingen bei Vorlesungen).
    Wünsche Dir dann trotzdem viel Spass bei der Vorlesung. 🙂

    Liebe Grüße,

    Cristin

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