Germanistik-Studium | Was macht man da?

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Wenn ich Leuten erzähle, dass ich Germanistik studiere und das auch noch im Hauptfach, werde ich meist erst einmal peinlich berührt angeguckt. Unfreundliche Zeitgenossen übergehen diese Aussage dann einfach. Freundliche hingegen lächeln zumindest bemüht und fragen dann Sachen wie „Schön, und was macht man damit?“ Am Ende des Tages erzählen sie dann trotzdem weiter, dass ich Deutsch studiere und sie ja nicht glauben, dass so etwas aus mir werden könne.

Vielleicht kann ich nicht alle Vorurteile und Unterschätzungen mit diesem Artikel komplett ausradieren, aber ich kann zumindest versuchen, Interessierten zu erklären, wie so ein Germanistikstudium – in meinem Fall – aufgebaut ist.

Schublade auf – Germanistik-Student rein – Schublade zu

Selbst meine beste Freundin hat mir lange, lange Zeit nicht geglaubt – oder besser ausgedrückt: glauben können – dass ich in meinem Germanistikstudium sehr wohl etwas leiste. Ja, sogar leisten muss, um am Ende gute Noten nach Hause zu bringen.

Leider hat sich das Bild des faulen Philosophie- oder Germanistik-Studenten durchgesetzt, der sein Studium mehr oder weniger mit Partys und Kneipengängen absitzt. Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für andere Geisteswissenschaften. Diese Art Studenten gibt es aber in jedem Studiengang. Nur leider haftet dieses Bild von Faulheit und Prokrastination vornehmlich an einem Studienfach wie meinem. Gegen dieses Bild möchte ich mich hiermit wehren.

Nur weil „Deutsch ja jeder deutsche Muttersprachler kann“, „man ja alles in der Schule lernt“ und ein Fachfremder glaubt, germanistischen wissenschaftlichen Diskussion folgen zu können, weil die „Fachwörter“ ja gar keine Fachwörter sind, nimmt man die Germanistik nicht ernst. Wenn Chemiker über ihre Reaktionen sprechen, versteht ein Fachfremder rein gar nichts – erst recht nicht, wenn er in Chemie so schlecht war wie ich. Das schindet natürlich Eindruck. Denn schon sprachlich heben Naturwissenschaftler sich von der Allgemeinsprache ab. Dieses Alleinstellungsmerkmal hat die Germanistik leider nicht. Schließlich hat sich jeder in der Schule schon mal mit Alliteration, Rhetorik oder Lyrik beschäftigt. Und das veranlasst viele Leute zu glauben, dass ja jeder ein Gespräch analysieren und Begriffe wie „Fachsprache“ oder „Affix“ definieren kann. Dass sich nicht einmal die Wissenschaft selbst über solche Begriffe einig ist und allein daraus hoch komplexe wissenschaftliche Diskurse entstehen, interessiert viele nicht. Oder wenn ich diesen Leute keine Überheblichkeit unterstelle: Viele können sich das auch einfach nicht vorstellen, was da über ihr Schulwissen hinaus noch kommen soll – und was davon dann ein Studium wert sein solle.

Deswegen möchte ich euch im Folgenden einmal die verschiedenen Module bzw. Themenbereiche der Germanistik an meiner Uni vorstellen (jede Uni hat unterschiedliche Schwerpunkte, was Anzahl und Thematik der Module angeht, daher kann ich hier nur für meinen Studiengang sprechen). Dazu stelle ich euch vor, was die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf dazu sagt und wie ich das entsprechende Modul erlebt habe.

Germanistische Sprachwissenschaft

Grundlagenkenntnisse und -fertigkeiten im Umgang mit dem System des Deutschen und der Systematik der Sprachwissenschaft, Ausbildung der sprachlichen Kompetenzen und Erwerb von Urteilsfähigkeit in Bezug auf die sprachlichen Ausdrucksformen gesellschaftlichen Wissens.
Mehr Geschwafel und weniger Informationen haben wohl nicht in die offizielle Vorstellung der Sprachwissenschaft gepasst. Daher in meinen Worten: Die Sprachwissenschaft beschäftigt sich grundlegend mit Fragen wie: Was ist Sprache überhaupt? Wie funktioniert Sprache/Kommunikation? Wie wird Sprache wann und wieso verwendet? Die Basis bildet dafür natürlich die Sprachtheorie und die Sprachphilosophie. Praxisorientierter sind Disziplinen wie die Soziologie und Kulturwissenschaft als Ergänzung zur Sprachwissenschaft absolut unerlässlich.

Die Sprachwissenschaft ist mein Steckenpferd und meine Lieblingsteildisziplin. Daher werde ich darin auch meine Bachelorarbeit schreiben. Ich gehöre zu denen, die Spaß daran haben, jedes einzelne Wort komplett in seiner (alleinstehenden oder ganzheitlichen) Bedeutung auseinander zu nehmen, d.h. zu analysieren. Mich fasziniert das Konstrukt der Sprache, d.h. verbale und non-verbale Kommunikation einfach.

Interessante Veranstaltungsbeispiele

  • Soziolinguistik mit Hausarbeit zum Thema Fachsprache zwischen Videospiel-Spielern – eine exemplarische Analyse der Sprache in der Pokémon-Turnierszene
  • Zeichen im Alltag: Verkehrszeichen, Werbung etc.
  • Politische Talkshows

Neuere Deutsche Literaturwissenschaft

Grundlagenkenntnisse und -fertigkeiten im Umgang mit dem Gattungssystem der deutschsprachigen Literatur und seinem historischen Wandel, Verfahren der Form–/Inhaltsanalyse von literarischen Texten, methodische Verfahren der Textanalyse und –interpretation

Dieses Modul gehört ebenso klassisch zur Germanistik wie die Sprachwissenschaft. Allerdings hängt die Literaturwissenschaft trotz des irritierenden „neuere“ im Titel viel zu weit in der Vergangenheit. Da ich mein Studium sehr modern auslege und eher an aktuellen Titeln und Thematiken interessiert bin, fällt mir dieses Modul wohl am schwersten. Versteht mich nicht falsch, ich schätze Goethe und Kafka sehr. Aber mir vergeht einfach die Lust, wenn ich durch das Vorlesungsverzeichnis gucke und 5 Seminare zu Kafka finde. Außerdem habe ich den Anspruch an mich, in meinen wissenschaftlichen Arbeiten einen neuen wissenschaftlichen Beitrag zu leisten. Ich glaube aber, dass ich das persönlich bei Goethe, Kafka und Schiller nicht kann – und ehrlich gesagt auch nicht will.

Interessante Veranstaltungsbeispiele

  • Graphisches Erzählen – Comicadaptionen literarischer Texte

Germanistische Mediävistik

Grundlagenkenntnisse der deutschen Literaturgeschichte in ihren Anfängen, von Textgruppen und Gattungen mittelalterlicher Literatur sowie sprachhistorisches Basiswissen.

Oft verhasst und doch gar nicht so übel. Das spiegelt auch meine Beziehung zur Mediävistik wieder. Man muss sich im Klaren sein, dass die mittelhochdeutsche Sprache genauso Vokabel und Grammatik lernen beinhaltet wie das Lernen einer neuen Sprache. Klar, man kann sich vieles ableiten, aber eben nicht annähernd so viel, dass man einen mittelhochdeutschen Text aus dem Stand adäquat übersetzen kann. Also: Vokabeln pauken. Dazu kommen historische Sprachwandel, Epochenlehre und so weiter. Zusammenfassend also nichts anderes als mittelhochdeutsche Literatur- und Sprachwissenschaft.

Ihr erkennt dabei sicherlich meine persönliche Krux. Meine beliebteste und meine unbeliebteste Teildisziplin kombiniert. Da einem die thematische Wahl bei den Seminaren ja frei steht, habe ich einfach drauf geachtet, welche zu wählen, die sich entweder rein mit der Sprachwissenschaft bzw. mit meinem Lieblingsautor, dem Stricker, beschäftigte. Bei beidem wusste ich, dass es mir liegt und schon hatte ich eine gute Note und hab mich vor dem unangenehmen Teil gedrückt. Wie immer im Studium: Man muss nur wissen wie 😉

Interessante Veranstaltungsbeispiele

  • Klang und Bild in geistlicher Literatur
  • Stricker: Ganz interessanter Autor, wie ich finde; mit Hausarbeit zum Thema Die Bedeutung der gevüege kündikeit im Märe Der kluge Knecht

Theorie und Geschichte mündlicher und schriftlicher Kommunikation

Kenntnis der Grundbegriffe, Theorieansätze und Methoden mündlicher und schriftlicher Kommunikationsprozesse, Kenntnisse über die Kultur- und Mediengeschichte der mündlichen und schriftlichen Kommunikation sowie über Theorie und Geschichte der (Rede-)Rhetorik.

Ausnahmsweise finde ich den Beschreibungstext der Uni einmal sehr treffend. Dieses Modul ist auch das Alleinstellungsmerkmal der Uni, da es das Modul in dieser Form nur in Düsseldorf gibt.

Ich selbst finde dieses Themengebiet total spannend. Wer ebenfalls sein Studium modern ausgelegt hat, wird sicher einige Seminare finden, die interessant klingen. Manchmal habe ich das Gefühl, die Dozenten trauen sich in diesen Veranstaltungen all das, was sie sich in den klassischen Disziplinen nicht trauen. Schließlich könnte man – wenn man es weit fasst – die unten genannten Seminarbeispiele auch in anderen Fachbereichen unterkriegen. Aber dann gäbe es ja kein deutschlandweit einzigartiges Modul mehr. Und das geh ja schließlich nicht.

Interessante Veranstaltungsbeispiele

  • Rhetorik und Sprechstile der Comedians mit Hausarbeit zum Thema Kaya Yanar und Volker Pispers – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier bekannter Kleinkünstler
  • Schriftbilder – Bilderschrift: Von Höhlenmalerei bis Graffiti und Tattoos
  • Konstitution von Krisen im öffentlichen Sprachgebrauch
  • Popliteratur

Berufsaussichten

Das Gute, aber auch zugleich Schlechte am Studiengang der Germanistik ist, dass man auf kein spezielles Berufsbild hin ausgebildet wird. Das heißt nichts anderes als das man damit alles machen kann – oder auch nichts. Einen kleinen Überblick über die Möglichkeiten, aber ich dir hier zusammengetragen:

  • Werbung
  • Kulturmanagement und -referent
  • Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
  • Lehre
  • Forschung
  • Journalismus
  • Verlagswesen (Lektor, Bilbiothekar)

Habt ihr noch Fragen zum Germanistik-Studium?
Was studiert ihr? Seid ihr mit eurem Studiengang zufrieden?

Ist stolz auf ihren Studiengang und macht das, was sie macht, gern.
– missmoere

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2 Responses
  • Cristin S.
    März 26, 2016

    Hut ab, dass du so zufrieden bist mit Germanistik. Ich habe Deutsch auf Lehramt mal zwei Semester(in Leipzig) studiert und fand es schrecklich, weil es einfach nicht meins war und ich keinen Durchblick hatte. Habe es aber auch nur gezwungenermaßen studieren müssen. Jetzt studiere ich seit 5 Semestern (in Berlin) Musik und Geschichte auf Lehramt. Und damit bin ich zufrieden. 🙂

    Liebe Grüße,

    Cristin

    • moere
      März 28, 2016

      Ich habe auch mit Deutsch auf Lehramt angefangen, war damit letztendlich aber so gar nicht glücklich, weil die Fachdidaktik sich mich irgendwann nur noch genervt hat. Lehramt war bei mir nämlich gezwungenermaßen. 😉
      Freut mich aber, dass du dann ebenfalls nach einem kleinen Umweg das Richtige für dich gefunden hast! (:

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